Turmfalke
Samira Belorf
Kinderspital Zentralschweiz
Onkologie Bettenstation Kinder | 3. OG | 23
Schau mal – siehst du, wie sich die zwei Vögel mitten in der Luft umkreisen?
Das sind zwei Turmfalken, einer der eindrucksvollsten Greifvögel der Schweiz. Sie sind hier nicht auf einer Wand, sondern auf zwei Glasschiebetüren zu sehen – und genau dort, mitten zwischen den Türen, sind sie in einem Luftkampf festgehalten. Der eine fliegt von oben links mit ausgebreiteten Flügeln auf den anderen zu, der mit aufgerichtetem Körper, gespreizten Schwingen und offenem Schnabel zurückschaut. Feine Schwunglinien zeigen, wie wild die beiden umeinander kreisen. Beobachte die Türen. Wenn sie sich öffnen, gleiten die Falken ein Stück weit auseinander – wenn sie sich schliessen, kommen sie sich wieder näher.
Solche Kämpfe gibt es bei Turmfalken vor allem im Frühling: Wenn ein Brutrevier verteidigt werden muss oder zwei Männchen um dasselbe Weibchen werben, geht es manchmal hitzig zu. Meistens ist es mehr Bluff als ernste Verletzung – die Vögel flattern, jagen sich, krallen sich kurz ineinander und fliegen dann wieder auseinander.
Wenn Turmfalken nicht gerade um ihr Revier streiten, sind sie unglaubliche Flieger und besondere Jäger. Ihre wichtigste Jagdtechnik ist der Rüttelflug: Sie können in der Luft auf der Stelle still verharren – schnelle Flügelschläge, der Kopf bleibt vollkommen still, wie ein winziger Helikopter, der über einer Wiese in der Luft hängt. So halten sie in aller Ruhe nach Mäusen und anderen kleinen Beutetieren am Boden Ausschau. Und wenn sie eine Beute entdecken, lassen sie sich mit angelegten Flügeln in die Tiefe fallen – im Sturzflug bis zu hundert Stundenkilometer schnell, das ist ungefähr so schnell wie ein Auto auf der Autobahn.
Eine ganz besondere Fähigkeit hat der Turmfalke: Er sieht UV-Licht. „UV" ist die Abkürzung für „ultraviolett" – das ist eine Art Licht, das wir Menschen mit unseren Augen gar nicht sehen können. Es kommt zum Beispiel von der Sonne; im Sommer ist UV-Licht auch der Grund, warum man Sonnencreme braucht – es macht die Haut braun und kann sie sogar verbrennen. Aber für uns ist alles, was UV-Licht aussendet oder zurückwirft, einfach unsichtbar.
Für den Turmfalken ist UV-Licht ein echter Geheimtrick beim Jagen: Mäuse hinterlassen auf ihren Wegen winzige Tropfen Urin – und dieser Urin reflektiert UV-Licht. Wenn der Falke hoch über einer Wiese rüttelt, sieht er die Mäusepfade unter sich wie kleine leuchtende Strassen im Gras. Frische Spuren strahlen dabei besonders hell. So weiss der Falke sofort, wo gerade Mäuse unterwegs sind, statt die ganze Wiese absuchen zu müssen.
Übrigens kannst du UV-Licht auch selbst sichtbar machen: Mit einer Schwarzlichtlampe (zum Beispiel in der Disco, beim Neon-Minigolf oder bei Halloween-Partys) leuchten plötzlich weisse Kleidung, Zähne, Waschmittelreste und manche Plakate hell auf. Eine Banknote zeigt unter Schwarzlicht versteckte Sicherheitsmuster, die unter normalem Licht unsichtbar sind. Das alles passiert, weil bestimmte Stoffe UV-Licht aufnehmen und es als sichtbares Licht wieder zurückwerfen. Übrigens sieht der Turmfalke insgesamt etwa achtmal so scharf wie ein Mensch.
Ihren Namen tragen Turmfalken daher, dass sie früher gerne in Kirchtürmen, alten Mauerresten und Burgruinen genistet haben. Heute brüten sie auch auf modernen Hochhäusern, an Klippen und auf Felsbändern. Im Kanton Luzern leben sie in vielen Dörfern und am Rand von Städten – manchmal kann man sie über Wiesen und Feldern beim Rütteln beobachten.
Bei Turmfalken sind übrigens die Weibchen grösser als die Männchen, manchmal um bis zu dreissig Prozent. Ein Weibchen mit ausgebreiteten Flügeln misst von Flügelspitze zu Flügelspitze fast achtzig Zentimeter.
Aufgabe:
Hast du Lust, ein Bild aus der Vogelperspektive zu malen? Wie sieht dein Lieblingsort – dein Garten, dein Spielplatz oder deine Strasse – aus, wenn du wie ein Turmfalke hoch oben in der Luft stehst und alles unter dir liegt? Welche Häuser, Bäume, Tiere oder Menschen entdeckst du dabei von oben?