«Weinbergschnecke zwischen Wiesengräsern»

Anja Wicki

Kinderspital Zentralschweiz

Sternenzimmer | EG | 11

An dieser Wand begegnen sich zwei Weinbergschnecken zwischen hochgewachsenen Wiesengräsern, deren feine, verzweigte Rispen sich wie zarte Federchen über sie neigen. Sie sind die grössten heimischen Landschnecken Europas und können in der Schweiz an feuchten Waldrändern, in Hecken und auf Wiesen entdeckt werden – meist nach einem Regen, wenn die Erde weich und kühl ist.

Eine Weinbergschnecke trägt ihr Zuhause auf dem Rücken. Ihr spiralförmiges Haus wächst mit ihr mit, von der Geburt bis zum hohen Alter. Folgt man der Spirale mit dem Finger von der Mitte nach aussen, läuft man bei fast allen Schnecken im Uhrzeigersinn – also nach rechts. Nur ganz selten findet man eine Schnecke, deren Haus genau umgekehrt gewunden ist: gegen den Uhrzeigersinn. Solche Tiere nennt man «Linksdreherinnen» – und sie sind eine echte Rarität. Im Winter zieht sich die Schnecke vollständig in ihr Haus zurück und verschliesst es mit einem feinen Deckel aus Kalk, hinter dem sie monatelang Ruhe findet.

Eine Besonderheit der Weinbergschnecke: Jede einzelne ist gleichzeitig weiblich und männlich. Wenn sich zwei Schnecken treffen, können also beide Eier legen. Sie nehmen sich für ihre Begegnung sehr viel Zeit – oft mehrere Stunden –, und am Ende werden mehrere Dutzend kleiner Eier in die Erde gelegt, aus denen nach einigen Wochen winzige Schnecken mit feinen, durchsichtigen Häuschen schlüpfen.

Weinbergschnecken bewegen sich nur etwa sechs Zentimeter in der Minute – sie gehören zu den langsamsten Tieren unserer Region. Doch ihre Spuren glänzen lange nach: Auf einem Pflanzenblatt, einem Stein oder einer Treppe hinterlassen sie eine schimmernde Linie, die noch Stunden später sichtbar bleibt. In der Natur leben sie meist fünf bis acht Jahre, in geschützter Umgebung manchmal über zwanzig Jahre lang.

Um die Ecke der Wand schaukelt eine dritte Schnecke kopfüber an einem hängenden Zweig. Darunter öffnet sich eine zarte Blütendolde, wie sie viele Wiesenpflanzen tragen – die kleinen Einzelblüten ordnen sich darin wie unter einem winzigen Schirm an. Weinbergschnecken können auch dort hochklettern, wo es niemand vermutet – ihre Schleimspur hält sie selbst an glatten oder senkrechten Flächen fest.

In der Schweiz ist die Weinbergschnecke übrigens streng geschützt. Wer eine findet, darf sie kurz betrachten und sollte sie dann genau dorthin zurücksetzen, wo sie entdeckt wurde.

Text: Ramona Dempsey
Aufgabe: Ramona Dempsey und Laura Schoch

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